Profi am Wort: Gabriele Gottwald-Nathaniel / Foto: © Gabarage
Profi am Wort: Gabriele Gottwald-Nathaniel / Foto: © Gabarage
Bei Gabarage kannst du nicht nur Altes zu Neuem designen lassen und tolle, innovative Artikel sowie Möbel kaufen, sondern du kannst den Re-use-Gedanken mit sozialer Nachhaltigkeit verbinden. Wir haben mit der Gründerin des Projekts gesprochen.

Wenn man ein Synonym für das berufliche Schaffen von Gabriele Gottwald-Nathaniel finden müsste, dann kann es nur ein Wort geben: sozial. Doch seit einigen Jahren kommt ein zweites dazu. Und das ist „nachhaltig“. Denn die diplomierte Sozialarbeiterin und Mitbegründerin der Zeitschrift Augustin, die als Geschäftsführerin der wichtigsten Suchtklinik Österreichs – dem Anton Proksch Institut – tätig ist, hat mit der Gründung von Gabarage dem Thema Nachhaltigkeit einen neuen Stellenwert gegeben.

Mit Gabarage hauchen Sie alten Materialien neues Design-Leben ein. Ein neues Leben, das gilt bei Gabarage aber nicht nur für die von Ihnen produzierten Designer-Stücke, richtig?

„Genau. Denn eigentlich geht es nicht nur um die Wiederverwertung alter Materialen, sondern vor allem auch um die Menschen, die daraus Neues erschaffen. Das Motto von Gabarage ist: ,Alles braucht eine zweite Chance.‘ Und damit meinen wir nicht nur unsere Werkstoffgrundlagen, sondern auch jene Menschen, die am Arbeitsmarkt benachteiligt sind. Bei der Gründung hatten wir dabei vor allem chronisch suchtkranke Menschen im Blick. Es ging uns prinzipiell darum, Menschen beruflich mit unserem Projekt so zu fördern, dass sie am regulären Arbeitsmarkt wieder Fuß fassen können. Das gilt auch für Langzeitarbeitslose und Menschen, die es aufgrund von anderen Erkrankungen wie Depressionen oder HIV schwerer haben, eine Arbeitsstelle zu finden.“

Was genau bedeutet denn das? Also wie können Sie Menschen unterstützen, sich wieder am Arbeitsmarkt einzugliedern?

„Kurz gefasst: Wir begleiten unsere Mitarbeiter bei ihrer Berufsorientierung oder dem Wiedereinstieg, indem wir Qualifikation sowohl hinsichtlich berufsspezifischer Fähigkeiten als auch sozialer Ressourcen schaffen. Dazu haben wir ein berufsnahes Qualifizierungsprogramm entwickelt. Die Zertifizierung über die Qualifizierung bei uns erfolgt durch eine externe Unternehmensberatung. Mittlerweile bieten wir bei Gabarage zusätzlich in sechs verschiedenen Lehrberufen außerordentliche Lehrabschlüsse, verkürzte Lehren und normale Lehrabschlüsse an.“  

Wie viele Menschen arbeiten derzeit bei Gabarage – und wer kann sich noch bewerben?

„Bewerben kann sich prinzipiell einmal jeder. Wenn wir Platz haben und das Gefühl, dass der Mensch zu uns passt, werden Probearbeitstage vereinbart und im Anschluss gibt es ein Arbeitstraining, welches vom AMS bewilligt werden muss. Für chronisch Suchtkranke erfolgt die Zuteilung über das regionale Kompetenzzentrum der Suchthilfe Wien. Und dann ist die Frage, in welchem Bereich der Bewerber am besten zu uns passt. Geht es eher in Richtung Werkstätten, wo wir Lampen und Interieur produzieren, oder eher in die Nähwerkstatt, wo z. B. Taschen und Geldbörsen produziert werden. Oder liegen die Stärken des Bewerbers vielleicht eher im Verkauf oder im Büro? Insgesamt haben wir derzeit 24 fixe MitarbeiterInnen und zusätzlich 20 geförderte Arbeitsplätze und Tagesarbeitsplätze. Wenn alle besetzt sind, dann arbeiten bei Gabarage 40 bis 60 Personen. Am Standort in St. Pölten ist unser Projekt auf sogenannte ,NEET‘-Jugendliche (Anm. der Redaktion: Not in Education, Employment or Training) spezialisiert, die über das Jugend- und Jobcoaching zu uns kommen.“

Wie kam es denn überhaupt zur Gründung von Gabarage?

„Mir war es immer schon wichtig, Maßnahmen zu setzen, bei denen es um soziale Nachhaltigkeit geht. Der Re-use-Gedanke war aber auch schon lange Zeit da. Da stand die Frage im Raum: ,Was ist innovativ und was gibt’s noch nicht?‘ So sind eine Kollegin und ich dann 2002 auf das Thema Upcycling gestoßen. Damals hat die EU einen Initiative zur Förderung nachhaltiger Konzepte für die Integration von benachteiligten Personen unter den Namen ,EQUAL 1′ gestartet. Wir wollten das verbinden und haben ein Konzept entwickelt, das nicht ausschließlich sozial nachhaltig sondern gleichzeitig marktgerecht ist. Wir sind also spezialisiert auf Upcycling Design. Sprich: Uns war wichtig, dass die Leute Gabarage-Produkte nicht nur kaufen, weil sie sozial nachhaltig und durch Upcycling hergestellt sind, sondern weil sie ihnen wirklich gefallen. Darum schauen wir auch, dass wir Punkto Design immer State of the Art sind.“

Apropos State of the Art: Was genau kann ich denn bei Gabarage kaufen oder anfertigen lassen?

„Wer unsere Produkte sieht, weiß, dass uns die Qualität und die Verbreitung enorm wichtig ist. Und dass Design bei uns groß geschrieben wird. Prinzipiell läuft das bei uns so, dass wir fast ausschließlich gespendetes Material verwenden. Jeder kennt zum Beispiel die Taschenmarke Freitag, die auch Planen wieder verwerten, diese aber weltweit zukaufen. Zur Verarbeitung der gespendeten Materialien müssen wir natürlich auch immer wieder Material zukaufen, aber wir versuchen, das so gering wie möglich zu halten, weil es und darum geht, Produktzyklen zu verlängern. Man könnte als Slogan sagen: ,Gebt uns euren Müll oder was ihr nicht mehr braucht. Wir machen daraus Neues. Design. Möbel. Kleidung.‘ Das heißt jetzt natürlich nicht, dass wir Wohnungsräumungen machen, aber wenn etwa jemand eine alte Bibliothek vom Opa hat und nicht weiß, wohin damit, für den finden wir z. B. eine Lösung, indem wir daraus einen Bücherhocker designen und herstellen. Es kann aber auch genauso gut sein, dass jemand ein Kleid nicht mehr gefällt, den Stoff aber super toll findet. Dann auch gerne her damit, wir kreieren etwas Neues daraus – und zwar in hundertprozentiger Handarbeit.“

Auch alten Büchern kann stilvoll neues Leben eingehaucht werden., Fotocredit: Gabarage
Auch alten Büchern kann stilvoll neues Leben eingehaucht werden., Fotocredit: Gabarage

Haben Sie einen Überblick darüber, wer besonders gerne im Shop in Wien einkaufen kommt?

„Im Shop kaufen tatsächlich viele Touristen eher kleinere Produkte, wie zum Beispiel Übertöpfe oder kleine Handtaschen. Es gibt mittlerweile viele Designtouren, die zu uns führen, da wir in Reiseführern aus der ganzen Welt vertreten sind. Natürlich sind es auch vielfach sehr designaffine Menschen, die bei uns Möbel und Interieur kaufen oder aus ihren alten Sachen designen lassen. Und natürlich gibt es auch immer wieder junge Menschen, die für sich sehr viel mit dem Nachhaltigkeitsaspekt verbinden und gerne mal einen Schlüsselanhänger oder eine Tasche bei uns kaufen.“

Sie sind Geschäftsführerin der größten Suchtklinik Österreichs und Obfrau von „social – design – business verein zur förderung der sozial- und kreativwirtschaft“, dem Verein der heute der Träger von Gabarage ist. Das klingt nach ziemlich viel Arbeit: Was motiviert Sie dazu?

„Ich bin ja ursprünglich diplomierte Sozialarbeiterin und einer der Grundsätze in der sozialen Arbeit ist die Hilfe zur Selbsthilfe. Wenn man Menschen eine Chance gibt, wird immer so klar deutlich, dass sie selbstbestimmt und in Freude leben wollen – und können. Das berührt mich über die Jahre immer wieder. Meine innere Motivation ist, Menschen in ihre Unabhängigkeit zu führen, fairen Lohn für faire Arbeit zu bieten und es ist einfach schön, Menschen dabei zu begleiten, einen Weg raus aus den Schulden oder der Arbeitslosigkeit rein in ein selbstgestaltetes, zufriedenes Leben zu finden. Und es berührt mich nachhaltig, wenn mir ehemalige Mitarbeiter schreiben, was Gabarage für sie ist und wie wichtig die Zeit für sie war.“

Gabarage verfügt über drei Standorte: zwei in Wien (Werkstätten und Shop) und einen in St. Pölten (Werkstätten und Shop). In den Shops in Wien und St. Pölten kannst du nicht nur Designstücke erwerben, sondern dir auch Inspiration für die Wiederverwertung deiner alten Sachen holen.

Gabarage Shop in Wien:
Schleifmühlgasse 6
1040 Wien

Öffnungszeiten:
Montag bis Donnerstag von 10:00 bis 18:00 Uhr
Freitag von 10:00 bis 19:00 Uhr
Samstag von 11:00 bis 17:00 Uhr

Gabarage Shop in St. Pölten:
Marktgasse 6
3100 St. Pölten

Öffnungszeiten:
Montag von 10:00 bis 17:00 Uhr
Dienstag von 14:00 bis 17:00 Uhr
Mittwoch bis Freitag von 10:00 bis 17:00 Uhr

Mehr Infos unter: www.gabarage.at


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