Städte können vollständig auf Müllberge verzichten. Und die Bürger profitieren davon.

Vollständiges Recycling in einer ganzen Stadt? Vollständige Müllvermeidung? Das sind keine utopischen Vorstellungen überspannter grüner Wachstumsgegner, sondern ist absolut möglich und in jedem Fall der einzige Weg, den wir und die kommenden Generationen gehen müssen. Die japanische Stadt Kamikatsu macht es vor und beweist, dass Müllvermeidung nicht ein unverhältnismäßig hoher Aufwand ist, sondern eine der möglichen Initialzündungen für einen bewusst gewählten Weg in eine nachhaltige Zukunft.

Industrielles Wachstum macht uns arm, Wachstumsvermeidung aber reich

Die Bürger der japanischen Stadt Kamikatsu haben selbst, für sich beschlossen, jedweden Abfall zu vermeiden und alle Dinge – und deren Bestandteile – nach Möglichkeit wiederzuverwerten. Das erfolgt nicht in einem „industriellen Maßstab“, so wie es in Deutschland bereits vor Jahren gescheitert ist, sondern in kleinen Einheiten, im Quartier oder einzelnen Stadtvierteln. Die Bürger zerlegen alles nach Möglichkeit schon, bevor sie es in verschiedene Sammelbehälter werfen, oder bringen es zu den Sammelstellen. Hier wird alles nochmals sortiert und gegebenenfalls weiter zerlegt. Alles, was irgendwie verwertbar oder zu reparieren ist, wird direkt wieder genutzt. Ältere Bürger und solche, die bisher ohne Arbeit waren und die jeweiligen Fachleute fertigen dann aus dem gesammelten Material mit außergewöhnlicher Kreativität neue Dinge. Diese werden entweder zu einem außerordentlich geringen Preis oder gar kostenlos wieder angeboten oder selbst genutzt. In den Geschäften wird ohnehin bereits so weit wie möglich potenzieller Abfall – wie z.B. Verpackungen – vermieden.
Der Erfolg ist ein dramatisch gesunkener Konsum von „neuen Dingen“, was für die Menschen bedeutet, dass sie hierfür wesentlich weniger Geld aufwenden. Dafür wächst eine neue, alte Gemeinschaft, die ständig überlegt, was noch alles aus den alten Dingen hergestellt werden kann, sowie eine Wiedereingliederung der älteren Bürger und der Arbeitslosen in die Gemeinschaft, mit den entsprechenden sozialen Kontakte und einem gemeinsamen Stolz aller auf ihre große Gemeinschaftsleistung. Der Absatz von neuen Industrieprodukten sinkt, aber das Volkseinkommen steigt. Im Kapitalismus eigentlich ein Widerspruch, aber das einzig sinnvolle Konzept für die Zukunft.

Die Mitwelt gesundet mit den Menschen

Wenn kein Müll mehr in Deponien gelagert wird, der die Mitwelt gefährdet oder eine aufwändige Verbrennung hohe Kosten verursacht – und möglichweise die Luft verpestet – gesundet natürlich die gesamte Umgebung der Stadt. Die Aufbereitung des Trinkwassers wird immer weniger kompliziert, ganz besonders dann, wenn auch die Landwirtschaft komplett auf den Einsatz schädlicher Stoffe, von zu hohem Einsatz ungereinigter Gülle bis hin zu chemischen „Kampfstoffen“ verzichtet. Das schadet natürlich der – chemischen – Industrie, hilft aber der Mitwelt und den Menschen. Durch die Nutzung aller biogenen Abfälle zur Gewinnung von Methan (sogenanntem Biogas), was in Asien eine bis zu dreitausendjährige Tradition hat, macht sich die Stadt langfristig und nachhaltig von Importen (Öl, Gas, Kohle) unabhängig, was wiederum – finanziell – den Bürgern zugute kommt – und natürlich gut für das globale Klima ist. Insgesamt wird an diesem Beispiel – was allerdings bereits eines von vielen ist – wieder gezeigt, dass dieser Weg eine Win-Win-Situation für die Menschen und ihre Mitwelt und damit eine nachhaltige Zukunft ist. Der „Gemeinschaftseffekt“ hat zudem viele weitere positive Auswirkungen, die sich langfristig ergeben. In Kamikatsu werden die Menschen „gesünder“, es verschwinden schon viele der „Zivilisationsleiden“. Die älteren Bürger sind viel aktiver, wieder in die Gemeinschaft integriert und sparen Aufwendungen für Pflege oder gar spezielle Heime. Ähnliche Projekte in Südamerika kommen nach einer gewissen Zeit der Umstellung – regional – völlig ohne „Geld“ aus, alle profitieren von allen und alle sorgen füreinander.
Es gibt also tatsächlich keinen Grund dafür, dass es irgendwo auf der Welt, ob in hochtechnisierten Regionen oder dort, wo die Technik noch nicht eingegriffen hat, keinen Weg gäbe, aus der so tödlichen Wachstumsspirale auszusteigen. Jedes dieser Projekte beweist, dass alle Menschen in diesen Orten und Regionen davon sofort profitieren und natürlich auch ihre gesamte Umgebung, ihre Mitwelt. Die Konsumgüterindustrie, die Energiekonzerne, die Chemieindustrie und ihre Investoren verlieren bei diesem Weg und werden, sobald er sich durchgesetzt hat, komplett verschwinden müssen. Alles, was regional benötigt wird, wird – wie in Zukunft in Kamikatsu – lokal, in geeigneten Manufakturen oder kleineren Betrieben, die aber den Bürgern selbst gehören, fabriziert, aber eben nicht in rieseigen Mengen und auf ein stetiges Wachstum angewiesen, sondern ausschließlich nach Bedarf. In den gleichen Betrieben werden die Dinge dann auch repariert, oder für eine Wiederverwertung vorbereitet.
Ein weiterer, bereits an diesen Orten spürbarer Effekt: der gesamte Verkehr nimmt drastisch ab. Fast alle Bürger finden eine Beschäftigung am Ort oder in der direkten Umgebung und der unsinnige Transport von Gütern – oft mehrfach durch das Land – entfällt fast komplett.

http://blog.zeit.de/teilchen/2015/12/10/wie-kamikatsu-in-japan-seinen-kompletten-muell-recyceln-will/
http://www.theguardian.com/world/gallery/2008/aug/05/japan.recycling
http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/earthship-haus-aus-muell-in-baden-wuerttemberg-a-1067294.html
http://epea.com/de/content/cradle-cradle%C2%AE

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